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CD “ITALIA!”

“Es ist ein Genuss, diese Musik auf Tasteninstrumenten zu hören, die nicht nach genormter Bauart hergestellt worden sind, wie es heute im Instrumentenbau überwiegend üblich ist, und Anne Marie Dragosits versteht es wunderbar, die Besonderheiten der beiden Instrumente ‘herauszukitzeln’ und ihre jeweils ganz individuelle Wesensart zur Geltung zu bringen.”
Wolfgang Schicker, BR Klassik

Musik aus Italien hat Musiker und Komponisten aus ganz Europa über alle barocken Epochen hin fasziniert. Diese Aufnahme widmet sich der unglaublich vielfältigen Cembaloliteratur des siebzehnten Jahrhunderts: Das Spektrum reicht von streng polyphonen Kompositionen im stile antico über phantasievolle Variationswerke oder Tanzsätze bis hin zu den freien Toccaten des stile nuovo. Wie in der Vokalmusik wird in den neuen Formen der Instrumentalmusik plötzlich mit Gefühlen, Affekten oder Überraschungen „gespielt“. Im Programm ITALIA! wird dieser Farbenreichtum anhand einer – zugegebenermassen sehr subjektiven – Auswahl an Werken abgebildet.
Aus Venedig erklingen zwei noch aus dem späten sechzehnten Jahrhundert stammende Gagliarden von Giovanni Maria Radino, die in einer direkten Linie zu Giovanni Picchis Hommage an Deutschland, „la Todesca“, oder seinem Passamezzo stehen. In Venedig publiziert wurde auch die Ciacona von Bernardo Storace, damals Vizekapellmeister von Messina. Der Schwerpunkt des Programms jedoch liegt auf Rom und den dort ansässigen großen Tastenspielern wie Girolamo Frescobaldi, Michelangelo Rossi oder Bernardo Pasquini.
Frescobaldi selbst ist hier nur mit einer kurzen Passacaglia vertreten, sein musikalisches Erbe freilich ist aus den Werken der ihm nachfolgenden Cembalistengenerationen nicht wegzudenken. Die spektakuläre chromatische Toccata seines Schülers Michelangelo Rossi ist, besonders in mitteltöniger Stimmung, ein Paradebeispiel für den hochexpressiven Instrumentalstil der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts.
Bernardo Pasquini war eine Schlüsselfigur der musikalischen Szene Roms in der zweiten Jahrhunderthälfte, Kammermusikpartner von Corelli. Seine Follia ist ein typisches Variationswerk dieser Zeit, ein wiederkehrendes Bassmodell wird auf unterschiedlichste Arten präsentiert – tänzerisch, virtuos oder melancholisch, geschmückt mit harmonischen oder rhythmischen Finessen.
Die römische Schule beeinflusste die Cembaloliteratur auch im Norden, „jenseits der Berge“. Viele „Oltramontani“ folgten dem Ruf nach „ITALIA!“: Johann Jakob Froberger studierte in den späten 1630-er Jahren bei Frescobaldi, auch Kontakte zu Michelangelo Rossi sind belegt. Bei seiner zweiten Romreise Ende 1640 zu Giacomo Carissimi und Athanasius Kircher muss er Carissimis deutschen Studenten Johann Caspar Kerll kennengelernt haben. Aber auch noch dreissig Jahre zog es hoffnungsvolle junge Musiker nach Rom – Georg Muffat studierte in Rom mit Pasquini und lernte Corelli kennen.
Sowohl Froberger als auch Muffat waren weitgereist und polyglott, beide zeichnete auch eine besondere Affinität zum französischen Stil aus. Ich habe mich für die hier gewählten Werke dennoch für eine rein „italienische“ Interpretation entschieden, weil die jeweiligen Sammlungen sowohl stilistisch als auch biographisch einen klaren Bezug zu den Italienaufenthalten beider Komponisten aufweisen.
Zwischen den umfangreicheren Kompositionen, die auf dem Giusti eingespielt wurden, erklingen kurze Interludien auf dem Veronensis, die einen reizvollen klanglichen Kontrapunkt setzen. Gerade die frühen Stücke von Radino oder Picchis „Todesca“ passen dem 1564 erbauten Spinett wie angegossen. Eines dieser Zwischenspiele aus der zweiten Jahrhunderthälfte ist eine instrumentale Version der sehr lyrisch gehaltenen Villanella „Giunto il sole in Occidente“ von Giovanni Girolamo Kapsperger, dem „Tedesco della tiorba“ – der, obwohl „Oltramontano“ von seiner Abstammung her, sein ganzes Leben in Italien verbrachte. Eine derartige instrumentale Inbesitznahme von Gesangsstücken durch harmoniefähige Instrumente ist in zahlreichen Manuskripten belegt.

Das Privileg, auf den wunderbaren Originalen des Germanischen Museums spielen zu dürfen, hat meine Interpretationen dieser Stücke bereichert und an vielen Stellen in neue Richtungen gelenkt. Sowohl das Giusti als auch das Veronensis sprechen eine eindeutige Sprache, haben einen starken und eigenwilligen Charakter, dem ich als Spielerin immer wieder nachgeben musste – oder einen Weg finden musste, sie von meinen Vorstellungen zu überzeugen.
Das haptische Vergnügen, die Finger über die Tasten des Giusti zu bewegen, erinnerte mich an das Begehen eines Treppenhauses in einem alten Palazzo. Jede ausgetretene Stiege – jede so sicht- und spürbar über Jahrhunderte oft gespielte Taste – atmet und erzählt Geschichte. Dass die Mechanik nicht auf jeder dieser „Stiegen“ so gleichmässig wie auf der Tastatur eines Nachbaus funktioniert, wiegen der unverwechselbare Klang beider Instrumente mit Leichtigkeit auf.
Für mich waren die Aufnahmetage mit diesen Instrumenten erfüllt von Gesprächen wie mit Kammermusikpartnern, lebendige Begegnungen mit starken Persönlichkeiten.

Anne Marie Dragosits

Michelangelo Rossi (ca.1601 – ca.1670)
Settima Toccata
Giovanni Maria Radino (ca.1550 – ca.1607)

Gagliarda seconda

Girolamo Frescobaldi (1583 – 1643)
Partite sopra Passacagli

Giovanni Picchi (ca.1572 – 1643)
la Todesca
Passamezzo

Johann Jakob Froberger (1616 – 1667)
Partita II
Allemanda
Courant
Sarabanda
Gigue

Giovanni Maria Radino
Gagliarda prima
Bernardo Storace (ca.1637 – ca.1707)

Ciacona

Johann Kaspar Kerll (1627 – 1693)
Toccata prima
Canzona prima

Anonymus
Preludio Arpeggio
Bernardo Pasquini (1637 – 1710)
Partite sopra Follia

Giovanni Girolamo Kapsperger (ca.1580 – 1651)
Giunto il sole in Occidente

J.J.Froberger
Toccata
Georg Muffat (1653 – 1704)

Passacaglia